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18:26

ZEIT ONLINE: Sinn der Arbeit: Ich arbeite, also bin ich

von Patrick Spät

Wohl kein anderer Satz fällt auf einer Party so häufig wie dieser: “Und, was machst du so?” Dahinter steckt die unausgesprochene Frage: “Bist du nützlich?” Die Arbeit bestimmt unseren sozialen Stellenwert: Sag mir, was du arbeitest – und ich sag dir, wer du bist. Wir werden regelrecht nervös, wenn wir nicht den Beruf unseres Gegenübers erfahren.

Wer aber nichts “macht” und offen sagt, dass er keinen Bock hat zu arbeiten und dass mitnichten jede Arbeit besser ist als keine Arbeit, der steht im Generalverdacht, zu verloddern und andere dazu anzustiften, es gleichzutun – mit dem Endergebnis, dass die ganze fleißige Gesellschaft in den Abgrund stürzt. Das Mantra unserer Zeit: Ich arbeite, also bin ich.

Der Arbeitsfetisch hat sich tief in die DNA der westlichen Industrienationen eingeschrieben, von Kindesbeinen an wird er uns eingetrichtert. Am Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg beobachtete ich einmal einen Vater mit seinem Kind. Die beiden gingen an einem Bettler vorbei – doch statt dem Bettler etwas zu geben, sagte der Vater drohend zu seinem kleinen Sohnemann: “Das passiert mit dir, wenn du nicht fleißig bist!”

Hm, vielleicht passiert das einfach, wenn der Reichtum ungleich verteilt ist? Und wenn man mit Lohnarbeit, sofern man einen der wenigen Jobs ergattert, kaum überleben kann. Martin Winterkorn, Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG, verdient 8.055 Euro Stundenlohn, und gleichzeitig sollen die Massen mit läppischen 8,50 Euro Mindestlohn abgespeist werden. Frohes Schaffen!

Die Politik gießt beständig Öl ins Feuer des Arbeitsfetisches: “Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen” – mit diesen biblischen Worten des Apostel Paulus rechtfertigte der damalige SPD-Arbeitsminister Franz Müntefering das ultimative Instrument, um die vermeintlich Faulen zu drangsalieren: Hartz IV. Seitdem stimmen 47,3 Prozent der Deutschen der Aussage zu, dass die meisten Arbeitslosen kaum daran interessiert seien, einen Job zu finden.

Dabei ist die Sache mit der Arbeit extrem schizophren: Wir streben insgeheim nach Faulheit – und preisen lautstark die Arbeit. Kein Wahlplakat, auf dem nicht mit mehr Jobs geworben wird. Der Ruf nach mehr Arbeit ähnelt dem Stockholm-Syndrom, bei dem die Opfer von Geiselnahmen nach und nach ein positives Verhältnis zu ihren Entführern aufbauen. Ständig hören wir das Gefasel von “Wachstum”, “Wettbewerb” und “Standortsicherheit”, um uns einzureden, dass wir “Gürtel enger schnallen” müssten, weil nur so “sichere Arbeitsplätze” möglich seien – alles andere sei “alternativlos”. Eine Lohnerhöhung sei nicht drin, weil sonst die Firma pleitegehe. Wir dürften die Reichen nicht zu stark besteuern, weil sonst die Leistungsträger ins Ausland gingen. All diese Dinge werden Konsens – sogar bei den Lohnsklaven selbst. ...

Die Arbeit geht uns nicht deshalb aus, weil wir zu blöd sind. Sie geht uns auch deshalb nicht aus, weil die Vermögenden zu viel Steuern blechen, wie uns Neoliberale weismachen wollen. Die meisten Menschen werden über kurz oder lang keine Arbeit finden, weil über kurz der Kapitalismus kollabiert oder über lang Maschinen unsere Arbeitskraft ersetzen. Schon jetzt sind über eine Milliarde Menschen weltweit unterbeschäftigt oder ganz erwerbslos, Tendenz steigend.

Doch je knapper die Jobs weltweit werden, desto heftiger preisen wir die Arbeit, statt uns einen faulen Lenz zu machen. Wir könnten die durchschnittliche Arbeitszeit drastisch reduzieren, wenn wir nur wollten. Ein “Wachstum” ist ohnehin nicht mehr möglich. Was soll denn noch wachsen außer das Elend der Menschen? Lasst uns schrumpfen. Lasst uns den Arbeitsfetisch abschütteln und nicht an unsere Kinder weitergeben. Es grenzt an Folter, kleinen Kindern das Spielen und Entdecken zu verbieten, um sie stundenlang zum Arbeiten an den Schreibtisch zu fesseln. Statt unsere Kinder zu fragen, “Und, was willst du mal werden?”, sollten wir fragen, “Wer willst du mal werden? Was für Ziele und Träume hast du?”

Um es mit einem Zitat von John Lennon zu sagen: “Als ich fünf war, hat meine Mutter mir immer gesagt, dass es das Wichtigste im Leben sei, glücklich zu sein. Als ich in die Schule kam, baten sie mich aufzuschreiben, was ich später einmal werden möchte. Ich schrieb auf: glücklich. Sie sagten mir, ich hätte die Frage nicht richtig verstanden, und ich antwortete ihnen, dass sie das Leben nicht richtig verstanden hätten.”

Haben wir das Leben richtig verstanden?

Heute zwischen 14 und 16 Uhr ist der Autor Patrick Spät hier im Kommentarbereich mit dabei. Diskutieren Sie mit uns über seine Thesen: Ist Arbeit und Karriere zu einem Religionsersatz geworden? Entfremdet die moderne Arbeitswelt den Menschen von sich selbst? Wie könnte eine gerechtere Arbeitswelt aussehen? Wir freuen uns über rege Beteiligung!

(via Schohns / Aktion 23)

Reposted frombwana bwana

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